WTF

Willkommen im Global Experience Park™ – Culture not included

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Die Lösung für den Klimawandel und anderer marginaler Probleme war eigentlich die ganze Zeit offensichtlich. Wir hätten nur früher darauf kommen müssen.

Dieser Text kann Spuren von Fakten und Satire enthalten.

Einmal Eintritt bezahlen und alles sehen: den Eiffelturm, die Freiheitsstatue, ein Stück der Grossen Mauer, Schloss Neuschwanstein, die Pyramiden, das Great Barrier Reef, den schiefen Turm von Pisa, Machu Picchu, das Taj Mahal, den Zuckerhut und die Copacabana. Einen kleinen Fjord und einen Vulkan, um das Angebot abzurunden.

Für Gäste mit dem Premium-Pass gibt es zusätzlich Polarlichter zwischen 21:15 und 21:30 Uhr. Wettergarantie inklusive.

Dazwischen Food Courts mit internationaler Küche, selbstverständlich optimiert für maximale kulturelle Offenheit bei minimalem kulinarischem Risiko. Die Schweizer Fondue-Ecke direkt neben dem mexikanischen Taco-Stand und dem japanischen Sushi-Karussell. Für besonders Abenteuerlustige gibt es jeweils Local Food. Mild gewürzt.

Authentischer wird es ohnehin nicht. Aber zumindest bleibt die echte Welt davon verschont.
Der Vorteil liegt auf der Hand und wiegt schwerer, als man zunächst denkt.
Das touristische Grundprinzip ist oft dasselbe: Man reist an einen Ort, bewegt sich von Highlight zu Highlight, macht das Beweisfoto und zieht weiter.

Paris? Eiffelturm.
Ägypten? Pyramiden.
New York? Freiheitsstatue.
Bayern? Neuschwanstein.
Rom? Kolosseum.
Island? Wasserfall. Noch ein Wasserfall. Pferd. Schwarzer Strand. Wasserfall.

Die eigentliche Kultur? Die Menschen? Das Alltagsleben?
Optional.

Natürlich ist das eine Karikatur. Millionen Menschen reisen aus echter Neugier. Sie lernen Sprachen, interessieren sich für Geschichte, essen Dinge, deren Namen sie nicht aussprechen können, verirren sich in Vororten und führen Gespräche, von denen sie zwanzig Jahre später noch erzählen. Reisen kann Horizonte öffnen. Es kann Vorurteile abbauen, Einkommen schaffen, Naturschutz finanzieren und Menschen miteinander verbinden, die sich sonst niemals begegnet wären.

Aber neben diesem Reisen existiert ein anderes Modell: Tourismus als global optimierte Experience Economy.
Orte werden zu Produkten. Sehenswürdigkeiten zu Content. Wohnungen zu Assets. Landschaften zu Backdrops. Und die Menschen, die dort leben, gelegentlich zu störendem Hintergrundrauschen.
Und da wird es unangenehm.

Der Algorithmus kennt deinen Geheimtipp

Zum Glück hat die moderne Technik auch das Problem gelöst, dass wir früher mühsam selbst herausfinden mussten, wohin wir reisen wollen. Heute übernimmt das der Algorithmus.

Du öffnest TikTok und erfährst, dass du unbedingt diesen einen hidden beach besuchen musst. 1,8 Millionen andere Menschen erfahren es ebenfalls. Auf Instagram entdeckst du ein secret little café that tourists don’t know about. Das Video hat 4,3 Millionen Views. Google Maps meldet: Besonders beliebt zwischen 10 und 16 Uhr.

Und irgendwo sitzt vermutlich die Besitzerin dieses geheimen kleinen Cafés und fragt sich, wer beschlossen hat, dass ihr Arbeitsplatz jetzt ein internationaler Geheimtipp ist.

Das ist eines der faszinierendsten Paradoxe des modernen Reisens: Wir benutzen dieselben globalen Plattformen, schauen dieselben Videos, speichern dieselben Reels und folgen denselben Empfehlungen, um uns anschliessend möglichst individuell und spontan zu fühlen. Millionen Menschen auf der Suche nach dem Untouched Spot. Gemeinsam.

Forschung zu durch Social Media plötzlich bekannt gewordenen Reisezielen zeigt, wie schnell Plattformen Aufmerksamkeit räumlich konzentrieren können. Aus einem wenig bekannten Ort kann innerhalb kürzester Zeit ein Must-see werden. Deutlich schneller, als Infrastruktur, Naturschutz oder Bevölkerung darauf reagieren können. Andere Studien beschreiben Echo-Chamber-Effekte: Social-Media-Inhalte beeinflussen nicht nur, wohin Menschen reisen, sondern auch, wie sie sich am Ziel bewegen, welche Orte sie aufsuchen und welche Motive sie fotografieren. 1

Der Algorithmus hat Overtourism nicht erfunden. Aber er ist ein beeindruckend effizientes Werkzeug, wenn man möglichst viele Menschen gleichzeitig auf dieselbe Schaukel auf Bali setzen möchte. Früher brauchte ein Ort dafür einen Reiseführer, ein paar Jahrzehnte Mundpropaganda und vielleicht eine James-Bond-Produktion. Heute reicht unter Umständen ein 17-sekündiges Video mit der Aufschrift: POV: You found paradise before everyone else.

Spoiler: Everyone else hat dasselbe Video gesehen.

Und damit wird aus Aufmerksamkeit Konzentration. Nicht alle Menschen reisen überallhin. Sehr viele reisen zur selben Zeit an dieselben Orte, stehen am selben Aussichtspunkt und wundern sich anschliessend in den Bewertungen darüber, dass es dort ziemlich touristisch sei.

⭐️⭐️
Beautiful place, but unfortunately full of tourists. – Tourist

Man könnte darüber noch lange lachen. Leider kommen jetzt die Zahlen.

Wenn aus Wohnraum eine Experience wird

Beginnen wir in Barcelona. 2024 gingen Bilder um die Welt, auf denen Demonstrierende Tourist:innen mit kleinen Wasserpistolen bespritzten. Die Aktion war umstritten und repräsentierte selbstverständlich nicht einfach die ganze Bevölkerung Barcelonas. Sie wurde aber zu einem ziemlich wirksamen Symbol für einen Konflikt um Massentourismus, Wohnraum und die Frage, wem eine Stadt eigentlich gehört. 2

Hinter den Wasserpistolen steckt ein Wohnungsproblem, das sich messen lässt. Eine der wichtigsten Kausalstudien zum Thema untersuchte die Auswirkungen von Airbnb auf den Wohnungsmarkt Barcelonas. Das Ergebnis: In einem durchschnittlichen Quartier erhöhte Airbnb die Mieten laut den Forschenden um rund 1,9 Prozent, die Transaktionspreise um 4,6 Prozent und die Angebotspreise um 3,7 Prozent.
In den zehn Prozent der Quartiere mit der höchsten Airbnb-Aktivität waren die Effekte erheblich stärker: 7 Prozent höhere Mieten, 17 Prozent höhere Transaktionspreise und 14 Prozent höhere Angebotspreise. 3
Sieben Prozent. Nicht als Preisaufschlag für die Ferienwohnung. Für die Menschen, die dort wohnen.

Eine landesweite Untersuchung in den USA kam zu einem ähnlichen Mechanismus. Steigt die Zahl der Airbnb-Angebote, steigen auch Mieten und Immobilienpreise. Besonders interessant dabei: Das gesamte Wohnungsangebot verschwindet nicht einfach. Wohnungen wechseln ihre Funktion. Vom langfristigen Wohnungsmarkt in den kurzfristigen Tourismusmarkt. 4 Das Haus steht noch da. Nur wohnen sollte möglichst niemand mehr darin.

Auch Berlin kennt den Effekt. Eine DIW-Studie errechnete, dass eine zusätzliche Airbnb-Unterkunft die Angebotsmieten im direkten Umfeld im Durchschnitt um rund 13 Cent pro Quadratmeter erhöht. Vor allem durch dauerhafte Angebote, die dem regulären Wohnungsmarkt entzogen werden. 5

Natürlich ist Airbnb nicht allein für hohe Wohnungspreise verantwortlich. Wohnungsmärkte sind komplizierter als eine App. Zinsen, Neubau, Regulierung, Bevölkerungsentwicklung, Einkommen, Spekulation und viele weitere Faktoren spielen ebenfalls eine Rolle. Aber die Behauptung, Kurzzeitvermietung habe mit Wohnkosten nichts zu tun, ist empirisch kaum mehr haltbar.

Aus Live like a local wird damit eine bemerkenswerte Geschäftsidee: Live like a local – in der Wohnung, in der vorher ein Local gelebt hat.

Venedig: Jetzt tatsächlich mit Eintritt

Und dann kommt Venedig daher. Eigentlich müssten wir für den Global Experience Park™ gar keine Venedig-Kopie mehr bauen. Das Original arbeitet bereits am Geschäftsmodell. Die Stadt verlangt an besonders stark frequentierten Tagen von vielen Tagesgästen eine Zugangsgebühr. 6 Eintritt in eine Stadt: Keine Satire, ein QR-Code.

Die historische Hauptinsel hat seit den frühen 1950er-Jahren weit über 100’000 Einwohnerinnen und Einwohner verloren. Heute leben dort weniger als 50’000 Menschen. 7 Venedigs Bevölkerungsschwund hat natürlich nicht nur mit Tourismus zu tun. Wirtschaftlicher Strukturwandel, Wohnbedingungen, die Abwanderung aufs Festland und der Verlust alltäglicher Infrastruktur gehören ebenfalls zur Geschichte. Aber irgendwann wird das Verhältnis selbst zur Pointe. Immer mehr Betten für Menschen, die morgen wieder abreisen. Immer weniger Menschen, die bleiben.

Das ist der Moment, an dem man aufhören sollte, ausschliesslich von Overtourism zu sprechen.

Overtourism ist nicht dasselbe wie Touristifizierung

Overtourism und Touristifizierung werden häufig (beinahe) synonym benutzt. Sie sind es nicht.

Overtourism ist das Problem, das man sieht. Zu viele Menschen am selben Ort, zur selben Zeit. Die Gasse ist voll. Der Bus ist voll. Der Strand ist voll. Vor dem Aussichtspunkt steht eine Schlange, damit jeder ein Foto machen kann, auf dem es aussieht, als wäre niemand sonst dort. Overtourism beschreibt den Punkt, an dem touristischer Druck die Lebensqualität, Umwelt, Infrastruktur oder auch das Reiseerlebnis selbst spürbar beeinträchtigt. 8

Touristifizierung geht tiefer. Sie beschreibt die Transformation eines Ortes zu einem Raum, der zunehmend für touristischen Konsum produziert wird. Wohnungen. Geschäfte. Restaurants. Arbeit. Öffentlicher Raum. Verkehr. Preise. Kultur. 9

Ein Quartier kann deshalb touristifiziert sein, obwohl gerade überhaupt niemand mit einem Selfie-Stick vor deiner Haustür steht. Die Wohnung nebenan ist trotzdem eine Ferienwohnung. Der Lebensmittelladen trotzdem verschwunden. Die neue Bäckerei verkauft trotzdem Traditional Artisanal Pastry Experience. Für 8,50 Euro. Das Restaurant hat seine Speisekarte trotzdem danach optimiert, was auf Instagram gut aussieht. Und die Person, die dort arbeitet, kann sich die Wohnung drei Strassen weiter trotzdem nicht mehr leisten.

Overtourism ist der Stau. Touristifizierung ist der Umbau der Strasse, der Häuser und irgendwann des ganzen Quartiers für Menschen, die hauptsächlich durchfahren.

Das eine fragt: Wie viele kommen?
Das andere: Was passiert mit einem Ort, wenn sich immer mehr seiner Funktionen danach richten, dass Menschen kommen?

Deshalb ist Touristifizierung für diese Geschichte der interessantere Begriff. Ein Ort muss nicht unter Menschenmassen zusammenbrechen, um sich durch Tourismus fundamental zu verändern.

Du kannst bleiben. Nur dein Viertel ist weg.

Der Tourismusforscher Agustín Cócola-Gant beschreibt eine besonders subtile Form dieses Prozesses als place-based displacement. Verdrängung muss demnach nicht erst stattfinden, wenn jemand die Wohnung verliert und einen Umzugswagen bestellt. Menschen können an derselben Adresse wohnen und trotzdem erleben, wie ihnen ihr Lebensraum nach und nach entgleitet.

Der Lebensmittelladen verschwindet. Ein Souvenirshop kommt. Die Stammbeiz wird ein Artisanal Nordic Brunch Lab. Die Bäckerei, in der morgens die Nachbarschaft Brot kaufte, bietet jetzt Sourdough Masterclasses an. Im Haus nebenan wechselt jeden dritten Tag die Bewohnerschaft. Der öffentliche Platz ist noch öffentlich. Theoretisch. Praktisch steht dort nun eine Schlange für ein Café, das auf TikTok literally insane sein soll.

Cócola-Gants Forschung beschreibt, wie Touristifizierung alltägliche Orte, soziale Beziehungen und vertraute Strukturen auflösen kann. Verbunden mit Gefühlen von Enteignung, Frustration, Wut und psychischer Belastung. 10 Das ist eine viel subtilere Form der Verdrängung.

Nicht: Du musst hier weg.
Sondern: Du kannst schon bleiben. Nur der Ort, an dem du gelebt hast, ist nicht mehr da.

Kreuzfahrten: Overtourism mit Fahrplan

Wer sehen möchte, wie sich touristischer Druck maximal effizient konzentrieren lässt, muss keinen Algorithmus programmieren. Man kann auch ein Kreuzfahrtschiff bauen. Im Grunde ist es der Global Experience Park™ in schwimmender Form.

Hotel, Restaurants, Bars, Shopping? An Bord.
Pool? An Bord.
Theater, Casino, Fitnesscenter, Kinderbetreuung und vermutlich irgendwo eine Eisdiele, die aussieht wie Capri? An Bord.

Dann legt dieses schwimmende Ferienresort morgens vor einer historischen Stadt an, öffnet seine Türen und mehrere tausend Menschen versuchen gleichzeitig, in sechs Stunden möglichst viel Local Culture zu konsumieren. Um 17 Uhr müssen alle wieder zurück sein. Authentizität mit All-aboard-Zeit.

Kreuzfahrttourismus besitzt dadurch eine besondere Eigenschaft: Er kann enorme Besucherzahlen zeitlich und räumlich komprimieren. Tausende Menschen kommen gleichzeitig an, bleiben nur wenige Stunden und konzentrieren sich häufig auf dieselben Altstädte, Sehenswürdigkeiten und Einkaufsstrassen. Man braucht also nicht dauerhaft zehn Millionen zusätzliche Menschen. Es reichen regelmässig ein paar tausend. Alle gleichzeitig. Am selben Ausgang. Mit demselben Stadtplan. Und derselben Liste: Barcelona in four hours. 11

Aber bringen die nicht wenigstens Geld?

Doch. Auch hier wird es interessanter, wenn man nicht bei der einfachen Antwort stehen bleibt. Studien aus Barcelona zeigen deutliche Unterschiede zwischen Kreuzfahrtgästen, die ihre Reise dort beginnen oder beenden und deshalb übernachten, und reinen Tagesgästen. Übernachtende Kreuzfahrtgäste geben erheblich mehr Geld in der Stadt aus als Menschen, die morgens aussteigen, ein paar Stunden durch die Innenstadt laufen und am Nachmittag wieder an Bord gehen. 12

Das ist wichtig. Ein Kreuzfahrtgast ist wirtschaftlich nicht automatisch schlecht. Entscheidend ist, wie Kreuzfahrttourismus organisiert ist. Eine Stadt, in der eine Reise beginnt oder endet und in der Gäste zusätzlich übernachten, profitiert anders als eine Stadt, in die morgens Tausende Menschen hineingespült und am Nachmittag wieder abgesaugt werden. Barcelona hat darauf inzwischen reagiert und will die Zahl der Kreuzfahrtterminals reduzieren sowie stärker auf Reisen setzen, bei denen die Stadt Start- oder Zielhafen ist. 13

Mit anderen Worten: Barcelona möchte nicht zwingend keine Kreuzfahrttouristen. Barcelona hätte bloss gerne etwas weniger touristische Druckbetankung im Expressverfahren.

Dann ist da noch die Umwelt. Kreuzfahrtschiffe verursachen Luftschadstoffe und Treibhausgasemissionen, besonders problematisch in Hafenstädten, wo grosse Schiffe in unmittelbarer Nähe dicht besiedelter Gebiete liegen. 14 Venedig zeigt gleichzeitig, dass Regulierung etwas bewirken kann. Nach der Einschränkung grosser Kreuzfahrtschiffe in der Lagune gingen bestimmte Emissionen der Kreuzfahrtschifffahrt dort deutlich zurück. 15 Eine Erkenntnis, die regelmässig überraschend wirkt, obwohl wir Regulierung erfunden haben, damit sie Dinge verändert.

Kreuzfahrten sind deshalb kein Argument dafür, diese Reiseform grundsätzlich zu verbieten. Sie sind aber ein ziemlich gutes Anschauungsobjekt dafür, wie falsch die reine Besucherzahl als Erfolgskennzahl sein kann. 10’000 zusätzliche Gäste klingen in einem Jahresbericht hervorragend. Die interessanteren Fragen wären: Wie lange bleiben sie? Wo halten sie sich auf? Was konsumieren sie lokal? Welche Infrastruktur benötigen sie? Welche Emissionen entstehen? Und wie viele von ihnen stehen um 11:15 Uhr gleichzeitig vor derselben Kathedrale?

Die Tourismusbranche sollte Besucherzahlen behandeln wie Kalorien. Eine grosse Zahl ist nicht automatisch ein Qualitätsmerkmal.

Wasser mit Meerblick

Noch unangenehmer wird es, wenn Tourismus nicht nur mit Wohnraum konkurriert, sondern mit Ressourcen. Nehmen wir Wasser. Eine Untersuchung eines Fünfsternehotels auf Teneriffa kam auf durchschnittlich rund 700 Liter Wasser pro Gast und Nacht. Spitzenwerte lagen bei mehr als 1’000 Litern. 16 Natürlich duschte dort niemand mit einem Gartenschlauch fünfeinhalb Stunden lang. Zum touristischen Wasserverbrauch gehören Pools, Wäscherei, Reinigung, Gastronomie, Gartenanlagen und die gesamte Infrastruktur, die wir gerne übersehen, wenn wir morgens das kleine Schild im Hotelbad lesen: Save the planet. Please reuse your towels.

Du fühlst dich gut. Das Hotel auch. Der Infinity Pool schweigt dazu.

Besonders aufschlussreich war ausgerechnet die Pandemie. Der weitgehende Stillstand des Tourismus auf den Balearen 2020 erzeugte eine Art unfreiwilliges natürliches Experiment. In sehr tourismusintensiven Gemeinden sank der Wasserverbrauch viel stärker als in Gemeinden mit wenig Tourismus. 17 Das ist einer dieser Befunde, bei denen der Sarkasmus kurz Pause hat. Denn viele beliebte Ferienregionen liegen ausgerechnet dort, wo Wasser ohnehin knapp ist oder durch den Klimawandel knapper wird. Sonne, wenig Regen und warme Temperaturen sind schliesslich ein hervorragendes Geschäftsmodell. Bis man trinken möchte.

Und dann wäre da noch das Klima

Beim Klima hilft auch kein Handtuch-Schild. Eine 2024 in Nature Communications veröffentlichte Analyse bezifferte den Treibhausgas-Fussabdruck des weltweiten Tourismus für 2019 auf rund 5,2 Milliarden Tonnen CO₂-Äquivalente. Das entsprach etwa 8,8 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen. Zwischen 2009 und 2019 stiegen die tourismusbedingten Emissionen im Durchschnitt um 3,5 Prozent pro Jahr. Etwa doppelt so schnell wie die Weltwirtschaft. 18 Schon eine frühere globale Untersuchung war 2018 auf ungefähr acht Prozent gekommen und hatte gezeigt, dass der Klima-Fussabdruck des Tourismus wesentlich höher lag als frühere Schätzungen vermuten liessen. 19

Der wichtige Punkt: Es geht nicht nur ums Fliegen. In diesen Berechnungen stecken Transport, Unterkünfte, Essen, Einkäufe und die Lieferketten dahinter. Der touristische Fussabdruck beginnt nicht beim Boarding, und endet nicht an der Gepäckrückgabe.

Bitte Natur geniessen. Möglichst ohne sie anzufassen.

Gut, könnte man sagen. Dann eben Eco Tourism. Rucksack statt Resort. Tauchen statt Kreuzfahrt. Wildlife statt Shopping. Leider besitzt auch die Natur die lästige Eigenschaft, physisch vorhanden zu sein. Und damit kaputtgehen zu können.

Eine 2026 veröffentlichte Untersuchung beobachtete mehr als 700 Taucherinnen und Taucher an Riffen auf den Philippinen und in Indonesien. In rund 300 Beobachtungsstunden registrierten die Forschenden 4’981 Kontakte mit dem Riff. Rund 41 Prozent verursachten sichtbare Korallenschäden oder andere Belastungen. Besonders bemerkenswert: Viele problematische Kontakte geschahen unbeabsichtigt oder wurden von den Tauchenden gar nicht wahrgenommen. Tauchten interessante Meerestiere auf, nahmen absichtliche und schädigende Kontakte deutlich zu. 20

Man muss diesen Befund kurz würdigen. Wir fliegen um die halbe Welt, weil wir etwas wunderschön finden. Ziehen Spezialkleidung an. Absolvieren einen Kurs. Tauchen hinunter. Staunen. Und treten versehentlich drauf.

Auch am Strand bleibt etwas zurück. Eine Untersuchung auf Mittelmeerinseln fand während der touristischen Hochsaison bis zu 4,7-mal höhere Akkumulationsraten von Meeresmüll. Auf sämtliche Mittelmeerinseln hochgerechnet kamen die Forschenden auf rund 40 Millionen Müllteile pro Tag während der Hochsaison. 21 Take only memories, leave only footprints war eher als unverbindlicher Vorschlag gedacht.

Auch Wildtiertourismus ist nicht automatisch harmlos. Studien zeigen beispielsweise, dass zunehmende Nähe, Fahrzeuge, Menschen und Lärm bei wilden Elefanten Stress- und Wachsamkeitsverhalten verstärken können. 22 Das Tier steht zwar noch da. Aber das bedeutet nicht automatisch, dass es unsere Anwesenheit genauso entspannend findet wie wir.

Aber Tourismus bringt doch Geld

Jetzt wird die Geschichte noch komplizierter. Denn natürlich stimmt das. Tourismus schafft Arbeitsplätze. Er finanziert Restaurants, Transportunternehmen, Guides, Handwerk, Landwirtschaft und Hotels. Er kann Infrastruktur ermöglichen, für die es ohne Besucherinnen und Besucher keinen Markt gäbe. Und gerade in strukturschwachen Regionen kann er eine wichtige Einkommensquelle sein.

Eine Untersuchung der touristischen Wertschöpfungskette in Gambia kam beispielsweise zum Ergebnis, dass etwa die Hälfte der touristischen Wertschöpfung im Land erfasst wurde. Von diesem Anteil floss wiederum Geld an einkommensschwache Haushalte, unter anderem über Landwirtschaft, Märkte, Hotelarbeit, Guides und Taxidienste. 23 Das ist ein echtes Argument für Tourismus. Und es wäre unseriös, es wegzulassen.

Problematisch wird es bei der nächsten Frage: Welches Geld bleibt wo?

Denn eine Hotelrechnung über 2’000 Franken bedeutet nicht, dass 2’000 Franken in der lokalen Wirtschaft angekommen sind. Internationale Fluggesellschaft. Buchungsplattform. Reiseveranstalter. Ausländische Hotelkette. Importierte Lebensmittel. Internationale Zulieferer. Management Fees. Marketing. Irgendwo dazwischen lebt dann noch die Person, die morgens dein Bett macht.

UNCTAD weist deshalb seit Langem auf sogenannte Leakages hin: Teile touristischer Einnahmen verlassen Zielländer über Importe, ausländische Eigentümer oder andere internationale Strukturen wieder. 24 Die Grössenordnung ist sehr unterschiedlich. Genau deshalb sollte man mit spektakulären Aussagen wie 80 Prozent des Geldes verschwinden vorsichtig sein. In Gambia blieb ein erheblicher Teil der Wertschöpfung im Land. In Kasane in Botswana ergab eine Untersuchung dagegen, dass rund 37 Prozent des touristischen Bruttoumsatzes als lokale Waren, Dienstleistungen und Löhne innerhalb eines Radius von 50 Kilometern verblieben. 25 Auf den Galápagos-Inseln wiederum kam eine Untersuchung für einen bestimmten Zeitraum auf einen deutlich kleineren lokalen Anteil. 26

Tourismus bringt also Geld. Die sinnvollere Frage lautet: Wer bekommt es? Wer besitzt das Hotel? Wer besitzt die Plattform? Wer liefert das Essen? Wer bekommt den Lohn? Wer trägt die Umweltkosten? Wer zahlt für Infrastruktur? Und wer besitzt die Wohnung, die inzwischen 250 Franken pro Nacht einbringt?

So wird aus Ferienplanung Volkswirtschaft. TripAdvisor hat dafür leider noch keinen Filter.

Wann Tourismus tatsächlich funktioniert

All das bedeutet nicht: Tourismus schlecht. Zuhausebleiben gut. So einfach ist es nicht. Tourismus kann für einen Ort sehr wertvoll sein. Wenn der Ort nicht vollständig dem Tourismus untergeordnet wird. Wenn Unternehmen lokal gehören oder eng mit lokalen Lieferketten arbeiten. Wenn Menschen vor Ort bei Entscheidungen tatsächlich mitbestimmen können. Wenn Einnahmen Naturschutz und öffentliche Infrastruktur finanzieren. Wenn Besucherzahlen an ökologische und soziale Grenzen angepasst werden. Wenn Wohnraum Wohnraum bleiben darf. Wenn Beschäftigte vernünftig bezahlt werden. Wenn Gewinne nicht vollständig abfliessen.

Und wenn die Frage Wie viele Gäste können wir noch bekommen? gelegentlich durch eine andere ersetzt wird: Wie viel Tourismus tut diesem Ort eigentlich gut?

Studien zu Naturtourismus und Schutzgebieten zeigen, dass Tourismus lokale Einkommen und Arbeitsplätze schaffen und gleichzeitig Geld für Naturschutz mobilisieren kann. Entscheidend sind lokale Beteiligung, funktionierende Institutionen, klare ökologische Grenzen und eine faire Verteilung der wirtschaftlichen Vorteile. 27 Das ist der interessante Gegenentwurf.

Nicht: Kein Tourismus.
Sondern: Tourismus als Gast in einer funktionierenden Gesellschaft, und nicht die Gesellschaft als Servicepersonal einer funktionierenden Tourismusindustrie.

Darum ist nachhaltiger Tourismus auch weniger eine Frage des Bambuszahnbürstchens im Eco Resort. Möglicherweise geht es tatsächlich um Macht. Wer entscheidet? Wer verdient? Wer darf bleiben? Wer trägt die Kosten? Und wer kann sagen: Jetzt reicht es.

Die Enshittification eines Ortes

Brauchen wir für die nächste Stufe noch ein anderes Wort. Ein ziemlich hässliches. Enshittification. Der Autor Cory Doctorow prägte den Begriff ursprünglich für digitale Plattformen. Sehr vereinfacht beschreibt er einen Prozess, bei dem eine Plattform zunächst möglichst nützlich und attraktiv wird, anschliessend immer stärker auf wirtschaftliche Wertabschöpfung optimiert wird und dadurch irgendwann für diejenigen schlechter wird, die sie benutzen oder von ihr abhängig sind. 28

Ein Touristenort ist natürlich keine digitale Plattform. Es gibt keinen grossen roten Knopf im Rathaus mit der Aufschrift: Enshittify City. Zumindest hoffe ich das. Und Enshittification ist auch kein etablierter Fachbegriff der Tourismusforschung. Als Metapher funktioniert er allerdings erschreckend gut.

Stellen wir uns einen Ort vor. Er ist schön. Es gibt dort eine kleine Altstadt, ein paar gute Restaurants, Menschen leben und arbeiten dort, der Markt verkauft Dinge für Menschen, die tatsächlich kochen möchten, und am Abend sitzen Leute auf einem Platz, ohne vorher auf Google Reviews geprüft zu haben, ob sich dieser Platz lohnt. Menschen entdecken ihn. Sie erzählen anderen davon. Der Ort wird beliebter. Das ist zunächst wunderbar. Restaurants verdienen mehr. Hotels öffnen. Menschen finden Arbeit. Neue Verbindungen entstehen. Investitionen fliessen. Alle freuen sich.

Phase eins: Der Ort gewinnt durch Tourismus.

Dann wird Aufmerksamkeit zum Business. Mehr Ferienwohnungen versprechen höhere Renditen. Investoren kaufen Immobilien. Internationale Hotelketten kommen. Reiseveranstalter optimieren ihre Routen. Kreuzfahrtschiffe nehmen den Hafen ins Programm. Instagram zeigt immer dieselbe Gasse. TikTok entdeckt den secret sunset spot. Google Maps schickt alle zum selben Café. Das lokale Wirtschaftsleben beginnt sich nach der zahlungskräftigen temporären Kundschaft auszurichten.

Phase zwei: Der Ort wird für Tourismus optimiert.

Irgendwann schliesst der Eisenwarenladen. Zu wenig Marge. Dafür eröffnet Casa Authentic. Es verkauft Keramik. Made in China. Die Mietwohnung wird Ferienwohnung. Die Bar wird Cocktail Experience. Das Café ersetzt seine Stammkundschaft durch Menschen, die für einen Cappuccino fünf Minuten brauchen und für das Foto davon weitere zwölf. Die Innenstadt verliert Dienstleistungen für Menschen, die dort leben, und gewinnt Dienstleistungen für Menschen, die am Sonntag wieder abreisen. Die Preise steigen. Die Vielfalt sinkt. Bewohnerinnen und Bewohner ziehen weg. Und damit verschwindet ausgerechnet ein Teil jener Alltagskultur, wegen der die Besucher ursprünglich gekommen sind.

Phase drei: Der Tourismus beginnt, sein eigenes Produkt zu konsumieren.

Jetzt wird es interessant. Denn wenn ein Ort immer austauschbarer wird, muss sein Marketing immer lauter behaupten, wie einzigartig er ist. AUTHENTIC. LOCAL. HIDDEN. UNTOUCHED. So entsteht eine seltsame Endstufe der Touristifizierung. Die lokale Bäckerei ist verschwunden. Aber im ehemaligen Ladenlokal kannst du für 79 Euro einen dreistündigen Bake Like a Local-Workshop buchen. Die Fischer können sich die Wohnungen am Hafen nicht mehr leisten. Aber das neue Boutique Hotel heisst: The Fisherman’s House. Der Markt verkauft kaum noch Lebensmittel für die Nachbarschaft. Dafür gibt es geführte Authentic Market Experiences. Die Bewohnerinnen und Bewohner verschwinden aus der Altstadt. Aber für 45 Euro führt dich jemand durch die Real Life of the Locals Tour. Und natürlich kannst du überall Taschen kaufen, auf denen der Name des Ortes steht. Damit du zu Hause noch weisst, wo du gewesen bist.

Das wäre die Enshittification einer Destination: Ein Ort wird erfolgreich, weil er bestimmte Qualitäten besitzt. Diese Qualitäten erzeugen touristischen und wirtschaftlichen Wert. Dieser Wert wird immer intensiver extrahiert. Dabei werden genau jene Qualitäten beschädigt, aus denen der Wert ursprünglich entstanden ist. Am Ende ist der Ort schlechter für diejenigen, die dort leben. Und ironischerweise auch schlechter für diejenigen, die ihn besuchen. Und für alle teurer.

Das ist nicht exakt Doctorows Enshittification-Modell. Aber als Beschreibung eines selbstzerstörerischen Optimierungsprozesses ist die Analogie ziemlich brauchbar. Unangenehm brauchbar. Touristifizierung bedeutet nicht einfach, dass ein Ort touristischer wird. Sie kann bedeuten, dass er zunehmend eine Simulation seiner selbst verkauft. Und irgendwann besuchen wir nicht mehr Barcelona, Venedig, Bali oder Santorini. Wir besuchen die touristisch optimierte Benutzeroberfläche davon. Mit Sponsored Content.

Willkommen zurück im Global Experience Park™

Damit sind wir wieder bei unserer absurden Ausgangsidee. Und plötzlich wirkt der Global Experience Park™ gar nicht mehr so absurd. Der Park würde wenigstens nicht behaupten, es gehe um kulturellen Austausch. Er würde offen sagen: Hier ist das Ding, das du fotografieren wolltest. Im Premium-Paket gibt es sogar einen Authentic Hidden Gem. Er befindet sich hinter Halle 7. Bitte nicht weitersagen.

Im Global Experience Park™ gibt es keine Verdrängung. Die Einheimischen sind Darstellerinnen und Darsteller mit Vertrag, Sozialversicherung und geregelten Arbeitszeiten. Nehmen wir Maria. Maria ist Senior Authenticity Officer in der Sektion Southern Italy. Ihr Arbeitsvertrag definiert exakt, wie viel leidenschaftliches Schauspiel pro Stunde zulässig ist. Nach acht Stunden stempelt sie aus. Der Mann am Nachbartisch, der seit 10 Uhr Zeitung liest und Espresso trinkt, ist übrigens Kevin aus der Buchhaltung. Um 17 Uhr fahren beide nach Hause. In ein Quartier, das nicht gleichzeitig Wohnung, Arbeitsplatz, Investmentprodukt und Ferienkulisse sein muss.

Das Wasser im Park wird im Kreislauf geführt. Besucherzahlen können begrenzt werden. Der Müll wird zentral entsorgt. Wenn das Great Barrier Reef wegen Überlastung geschlossen werden muss, schaltet jemand den Projektor aus. Morgen ist es wieder gesund. Probier das einmal mit einem echten Korallenriff.

Natürlich bleibt der Global Experience Park™ eine ziemlich bescheuerte Idee. Denn Orte sind keine Kulissen. Und genau deshalb ist nicht der Themenpark die eigentliche Satire. Es ist unsere Art, reale Orte immer stärker wie einen solchen zu behandeln. Historische Innenstädte werden zu Selfie-Zonen. Läden richten ihr Sortiment auf Menschen aus, die morgen wieder weg sind. Restaurants optimieren Gerichte auf Instagram. Wohnungen werden zu Experiences. Aussichtspunkte werden Content Locations. Fischerorte werden Boutique-Brands. Marktplätze werden Instagram Sets. Und irgendwo zwischen Must See, Top Ten, Bucket List und You won’t believe this hidden gem verliert ein Ort langsam die Freiheit, einfach ein Ort zu sein.

So wäre der Global Experience Park™ nur die ehrlichste Darstellung dessen, was wir längst geschaffen haben: ein gigantisches Freilichtmuseum für Sehenswürdigkeiten. Mit Klimaanlage. Fast-Pass-Tickets. Free Wi-Fi. Authenticity Upgrade. Und einem Algorithmus, der dir versichert, dass du gerade etwas völlig Einzigartiges erlebst. Gemeinsam mit 38’412 anderen Menschen.

Die eigentliche Ironie ist allerdings eine andere. Wahrscheinlich würden die Menschen trotzdem ins Flugzeug steigen. Nicht, weil sie den Eiffelturm sehen wollen. Sondern weil sie den echten Eiffelturm sehen wollen. Nicht irgendeinen Strand. Diesen Strand. Nicht irgendeine Stadt. Diese Stadt.

Und darin steckt noch etwas Hoffnung. Oder die ultimative Herausforderung.

Denn trotz aller Selfies, Rankings, Influencer-Tipps und Bucket Lists scheint ein Teil der Reisenden immer noch zu spüren, dass Orte mehr sind als ihre Wahrzeichen. Dass Paris nicht der Eiffelturm ist. Dass New York nicht die Freiheitsstatue ist. Dass China nicht die Mauer ist. Dass Neapel kein Pizza-Themenpark ist. Und dass sich eine echte Stadt verdammt noch mal nicht so verhalten muss, wie wir sie auf Booking.com bestellt haben.

De Lösung ist also nicht der Themenpark, sondern ein Tourismus, der wieder lernt, Gast zu sein statt Konsument. Weniger oft reisen und dafür länger bleiben. Nicht zwanghaft im August dorthin fahren, wo gerade alle hinfahren. Nicht jeden schönen Ort in Content verwandeln. Nicht automatisch dem nächsten viralen hidden gem hinterherrennen. Unterkünfte wählen, die nicht systematisch dringend benötigten Wohnraum dem lokalen Markt entziehen. Restaurants, Geschäfte, Guides und Verkehrsmittel nutzen, bei denen möglichst viel Geld vor Ort bleibt. Wasser sparen, als wäre man zu Hause. Wildtiere beobachten, ohne ihnen für den perfekten Shot auf die Pelle zu rücken. Den öffentlichen Raum nicht wie eine Hotelanlage behandeln. Und auch einmal einen Must See Spot nicht sehen. Das wird schwierig. Man kann danach keine Bewertung schreiben. Aber eventuell eine Geschichte erzählen.

Stellen wir seit Jahren die falsche Frage? Wir fragen: Wie viele Touristen verträgt dieser Ort? Dabei wäre die interessantere Frage: Für wen funktioniert dieser Ort eigentlich noch? Für die Menschen, die dort leben? Für diejenigen, die dort arbeiten? Für die Natur? Für lokale Unternehmen? Für Menschen, die zu Besuch kommen? Oder zunehmend für Immobilienportfolios, Plattformen, internationale Reiseunternehmen und eine globale Attention Economy?

Denn Touristifizierung beginnt genau dort. Nicht bei der ersten Ferienwohnung. Nicht beim ersten Kreuzfahrtschiff. Nicht beim ersten Influencer. Nein, in dem Moment, in dem ein Ort sich selbst zunehmend mit den Augen seiner Kundschaft betrachtet. Dann werden Wohnungen zu Inventory. Strassen zu Footfall. Plätze zu Content. Menschen zu Servicepersonal. Kultur zu Product. Und Lebensqualität zu einer Kennzahl, die hoffentlich irgendwo im nächsten Strategiepapier auftaucht. Falls noch Platz ist.

Das eigentliche Problem beginnt nicht erst, wenn zu viele Touristen da sind. Es beginnt, wenn der Ort als Produkt wichtiger wird und das Zuhause verdrängt. Das ist der Moment, in dem Touristifizierung in Enshittification kippt. Wenn wir nicht nur zu viel von einem Ort konsumieren, sondern durch die Optimierung seines Konsums langsam das zerstören, was wir eigentlich konsumieren wollten.

Bis wir das gelernt haben: Willkommen im Global Experience Park™. Bitte stellen Sie sich in der Schlange an. Der Authentic Local Experience-Slot um 14:30 Uhr ist leider bereits ausgebucht, aber der um 16:00 Uhr hat noch freie Plätze. Das historisches Viertel wurde übrigens für ein verbessertes Gästeerlebnis vollständig abgerissen und neu gebaut.

Die echte Welt hat gerade geschlossen, um durchzuatmen.

※ Quellen und Fussnoten

  1. Wengel, Y. et al. (2022): The TikTok effect on destination development: Famous overnight, now what?, Journal of Outdoor Recreation and Tourism 37, 100458. Ergänzend: Tang, X., Zhang, L. & Yuan, K. (2024): Social media frames my move and visual: The echo chamber effects on on-site tourism behaviors and destination marketing, Journal of Destination Marketing & Management 32, 100859. ↩︎
  2. Reuters, 11. Juli 2024: Bericht über die Proteste gegen Massentourismus in Barcelona und das Bespritzen von Touristinnen und Touristen mit Wasserpistolen. ↩︎
  3. Garcia-López, M.-À., Jofre-Monseny, J., Martínez-Mazza, R. & Segú, M. (2020): Do short-term rental platforms affect housing markets? Evidence from Airbnb in Barcelona, Journal of Urban Economics 119, 103278. ↩︎
  4. Barron, K., Kung, E. & Proserpio, D. (2021): The Effect of Home-Sharing on House Prices and Rents: Evidence from Airbnb, Marketing Science 40(1), 23–47. ↩︎
  5. Duso, T., Michelsen, C., Schäfer, M. & Tran, K. (2021): Durch Airbnb-Vermietungen steigen in Berlin die Mieten, DIW Wochenbericht 7/2021. ↩︎
  6. Comune di Venezia: Contributo di Accesso. Für 2026 galt die Zugangsgebühr an 60 nicht aufeinanderfolgenden Tagen vom 3. April bis 26. Juli; je nach Buchungszeitpunkt betrug sie 5 oder 10 Euro. ↩︎
  7. Comune di Venezia: Historische Bevölkerungsstatistik. Für das Centro storico werden für 1951 174’808 Einwohnerinnen und Einwohner ausgewiesen; Ende 2025 waren es 47’625. ↩︎
  8. UN Tourism: ‘Overtourism’? Understanding and Managing Urban Tourism Growth beyond Perceptions. ↩︎
  9. Ojeda, A. B. & Kieffer, M. (2020): Touristification. Empty concept or element of analysis in tourism geography?, Geoforum 115, 143–145. ↩︎
  10. Cócola-Gant, A. (2023): Place-based displacement: Touristification and neighborhood change, Geoforum 138, 103665. ↩︎
  11. Universitat de Barcelona / AQR-Lab: Economic Impact of Cruise Activity: The Port of Barcelona. Die Untersuchung zeigt die starke zeitliche Konzentration von Kreuzfahrtgästen; die zugrunde liegenden Daten stammen aus den Jahren 2014/2015. ↩︎
  12. Universitat de Barcelona / AQR-Lab: Economic Impact of Cruise Activity: The Port of Barcelona. In der untersuchten Stichprobe lagen die durchschnittlichen Tagesausgaben übernachtender Kreuzfahrtgäste bei rund 200 Euro, bei Tagesgästen bei rund 53,30 Euro. ↩︎
  13. Port of Barcelona / Barcelona City Council, 17. Juli 2025: Vereinbarung zur Reduktion der Kreuzfahrtterminals von sieben auf fünf und zur stärkeren Gewichtung von Homeport-Verkehren. ↩︎
  14. Zabrocki, W., Leroutier, M. & Bind, M.-A.: Estimating the Local Air Pollution Impacts of Maritime Traffic. Ergänzend zu den Treibhausgas- und Luftschadstoffemissionen der europäischen Kreuzfahrtschifffahrt: Transport & Environment. ↩︎
  15. Zur Einschränkung grosser Kreuzfahrtschiffe in der Lagune: Ministero della Cultura. Zum Rückgang der erfassten Schwefeloxid-Emissionen nach der Regulierung: Transport & Environment. ↩︎
  16. Cruz-Pérez et al. (2022): Fallstudie zum Wasserverbrauch eines Fünfsternehotels auf Teneriffa, Urban Water Journal. Gemessen wurden durchschnittlich rund 700 Liter pro Gast und Nacht, mit Spitzenwerten von mehr als 1’000 Litern. ↩︎
  17. Zero tourism due to COVID-19: an opportunity to assess water consumption associated to tourism, Journal of Sustainable Tourism. Während des Lockdowns sank der Wasserverbrauch in stark tourismusabhängigen Gemeinden der Balearen um rund 58%, in wenig tourismusabhängigen Gemeinden um rund 14%. ↩︎
  18. Sun, Y.-Y. et al. (2024): Drivers of global tourism carbon emissions, Nature Communications 15, 10384. Für 2019 werden rund 5,2 Gt CO₂e beziehungsweise 8,8% der weltweiten Treibhausgasemissionen geschätzt; von 2009 bis 2019 wuchsen die Tourismusemissionen um durchschnittlich 3,5% pro Jahr. ↩︎
  19. Lenzen, M. et al. (2018): The carbon footprint of global tourism, Nature Climate Change 8, 522–528. ↩︎
  20. Lin, B. et al. (2026): Causes and Correlates of Unsustainable Scuba Diving Tourism on Coral Reefs, Conservation Letters 19(3), e70055. In mehr als 300 Stunden Unterwasserbeobachtung wurden 4’981 Riffkontakte registriert; 41,3% verursachten sichtbare Schäden oder Sedimentaufwirbelung. ↩︎
  21. Grelaud, M. & Ziveri, P. (2020): The generation of marine litter in Mediterranean island beaches as an effect of tourism and its mitigation, Scientific Reports 10, 20326. ↩︎
  22. Friswold, B. et al. (2026): Impacts of Tourism on Wild Elephant Behavior in a Protected Area: Thresholds for Sustainable Wildlife Viewing, Ecology and Evolution 16(1), e72842. ↩︎
  23. Mitchell, J. & Faal, J. (2008): The Gambian Tourist Value Chain and Prospects for Pro-Poor Tourism, ODI Working Paper 289. ↩︎
  24. UNCTAD: The contribution of tourism to trade and development. UNCTAD beschreibt Leakage als den Teil touristischer Einnahmen, der unter anderem durch Importe und ausländische Eigentumsstrukturen wieder aus einer Volkswirtschaft abfliesst. ↩︎
  25. Rylance, A. & Spenceley, A. (2017): Reducing economic leakages from tourism: A value chain assessment of the tourism industry in Kasane, Botswana, Development Southern Africa 34(3), 295–313. ↩︎
  26. Charles Darwin Foundation: Galápagos Report 2006–2007. Für den damaligen Galápagos-Tourismus wurden Gesamtausgaben von rund 418–419 Mio. USD geschätzt, von denen ungefähr 15,5% in der lokalen Inselwirtschaft verblieben. ↩︎
  27. World Bank (2021): Banking on Protected Areas: Promoting Sustainable Protected Area Tourism to Benefit Local Communities. ↩︎
  28. Cory Doctorow prägte enshittification ursprünglich für digitale Plattformen. Zur ursprünglichen Beschreibung und Einordnung: Electronic Frontier Foundation: Platforms Decay. Let’s Put Users First. Die Übertragung auf Tourismusdestinationen im Artikel ist ausdrücklich eine Metapher und kein etablierter tourismuswissenschaftlicher Begriff. ↩︎
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